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Wir brauchen keine Megacities, sondern ein „Internet of Spaces“

Urbane Nomaden

Wie aber führt uns das nun zu einer Stadt für alle? Ein Beispiel: Vor einiger Zeit inszenierte die Künstlergruppe „Tinyhouse University“ mit 13 Hütten ein Dorf im ungenutzten Hof vor dem Berliner Bauhaus Archiv Museum. Solche temporären Dörfer nenne ich Tiny House Villages – eine Mischung aus Festival, Campus und Marktplatz. In fünf dieser Häuser haben Menschen übernachtet. Manche nur ein paar Tage, andere ein halbes Jahr lang. „Wohnen“ darf man das nicht nennen. Eher: Leben. Oder wie ich es nenne, sie haben Nachbarschaft produziert. Sie haben „nachbarisiert“.

 

Das entspricht auch dem Homo Oeconomicus von heute: Geld und Karriere, Ruhe und Natur reichen ihm nicht mehr. Er sucht den perfekten Einklang mit dem Flow der Stadt. Bestens vernetzt sein, reisen, gut essen, Marathon laufen oder einen Solarkocher bauen: Früher nannte man das Sabbatical oder Work and Travel. Heute nennt man es Urbanes Nomadentum.

Van Bo Le-Mentzel

An den Orten, wo diese Nomaden übernachten, wollen sie keine anonymen Hotelbetten oder langweiligen Domizile am Stadtrand. Selbst Touristen wollen alles, nur nicht andere Touristen treffen. Auch sie wollen Nachbarn sein.

 

An den Coworking Spaces, schicken Cafés und überteuerten Coliving Wohngemeinschaften hat sich die digitale Boheme satt gesehen: Dennoch will sie maximale Freiheit und minimale Fixkosten. Solch ein Lebensstil ist allerdings nicht vereinbar mit einem 40-Stunden-Job. Das kann sich nur jemand leisten, der wenig Zeit der Erwerbsarbeit opfert und nicht viel Geld braucht.

 

Das Urbane Nomadentum verabscheut auch reine Wohnsiedlungen wie Studentenwohnheime oder Seniorenresidenzen. Dort gibt es zwar viele Nachbarn, aber niemanden, der weiß, wie man nachbarisiert. Deshalb sind Tiny Houses auch keine reinen Wohnräume. Die Hütten der Tinyhouse University etwa haben ein Split Level: Oben privat, unten öffentlich. Die Tiny House Design School etwa beherbergte oben auf der Schlafmatratze zwei Geflüchtete und zeigte unten eine Ausstellung. Und im New Work Studio schlief oben ein Programmierer aus Palästina, unten fanden Workshops statt. Nachbarn wussten stets, dass sie willkommen waren, weil es Raum für Austausch gab.