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Mehr Sinnlichkeit wagen!

Mehdi, 10 Jahre

Im Jahr 1969 stellte Willy Brandt in der Regierungserklärung seine Kanzlerschaft unter das Motto „Mehr Demokratie wagen“. Damit griff er Forderungen der in den 1960er Jahren entstandenen Protestbewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte, nach mehr demokratischer Teilhabe und gesellschaftlicher Veränderung auf. Heute, in Zeiten von Populismus, Nationalismus und Rückkehr autoritärer Ideologien, gilt es, die demokratischen Errungenschaften wieder zu verteidigen und noch mehr Demokratie zu wagen.

 

Die diskursive Beteiligung möglichst vieler an kollektiven Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen ist dafür entscheidend – dies gilt insbesondere auch für Planungsprozesse zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Für die Zukunftsgestaltung ist eine möglichst breite Partizipation eine notwendige Bedingung. Beteiligung an sich ist aber noch nicht hinreichend. Es geht auch um den systematischen Einbezug möglichst vielfältiger Erfahrungsdimensionen. Während ab den späten 60er Jahren Partizipationsforschung und –praxis auf die Aushandlung von Werten, Interessen und Wissensansprüchen fokussierte und Partizipationsansätze und –verfahren darauf hin designte, wurden sinnlich-ästhetische Aspekte und (gespürte) Imaginationen nicht routinemäßig behandelt. Dieses „Sinnlichkeitsdefizit“ ist problematisch. Es besteht ein „Sinnlichkeitsdefizit“ in der Partizipations-forschung und -praxis

 

Interdisziplinäre Erkenntnisse aus Neuropsychologie, Philosophie und Sozialwissenschaften betonen die Bedeutung multisensorischer, leiblicher Wahrnehmung für menschliches Handeln, konzeptualisieren Atmosphären als emotional gestimmte Räume, die als geteilte Wirklichkeit durch die spürbare Anwesenheit des Wahrgenommenen und das sinnlich-emotionale Erleben des Wahrnehmenden gekennzeichnet sind, und nutzen zur Öffnung von Erkenntnishorizonten über kognitiv-logische Ansätze hinaus kunstbasierte Methoden. Die Zeit scheint reif, in Anlehnung an Brandt ein ergänzendes Motto auszurufen: Mehr Sinnlichkeit wagen!