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Autopilot aus, Sinne an! Ein etwas anderer Spaziergang durch Pescara

Photo by Balkouras Nicos on Unsplash

Was geschieht, wenn wir uns bewusst auf unsere Stadt einlassen? Den Autopiloten aus- und die Sinne anstellen. Überrascht die Stadt? Überwältigt sie? Stößt sie ab oder zieht sie an? In jedem Fall bewegt uns das urbane Umfeld und es wird deutlich, was uns gut tut und was nicht, und was wir mehr oder weniger haben wollen. Eine gute Basis also, von der auch die Stadtplanung lernen kann.

 

 

Liebes Tagebuch,

heute ist es endlich richtig warm in Pescara! Ich gehe die Treppen runter, mache die Haustür auf, und sofort heißt mich eine Welle von Geräuschen willkommen. Der Verkehr in Pescara ist allgegenwärtig. Wenn man auf meiner Straße den Autoverkehr begrenzen würde, wäre das eine große Verbesserung. Ich entscheide mich, ins Stadtzentrum zu gehen, was mir wie eine eigene Welt vorkommt.
 

Kurz bevor ich die Straße überquere, sehe ich in der Ferne, dass die Ampel grün wird. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig hinüber, bevor das Geräusch eines Lastwagens in meinem Ohr klingelt und Abgase meine Lunge füllen. Ich mache noch ein paar Schritte weiter, und da bin ich, vor dem corso Manthonè. Sobald ich in die Straße einbiege, weichen die Maschinengeräusche den Stimmen von Menschen – es ist fantastisch. Ich fühle mich, als wäre ich mittendrin in der Geschichte: tatsächlich laufe ich auf einem Bürgersteig aus dem fünfzehntem Jahrhundert, der mich fast aus dem Gleichgewicht bringt. Wenn ich die Backsteinmauer anfasse, kann ich den Schweiß und den Einfallsreichtum der mittelalterlichen Arbeiter spüren. Die Straßen sind schmal und lang, aber hier fühle ich mich sicherer als auf diesen übertrieben großen Straßen außerhalb des Zentrums.  Hier spüre ich nicht die heiße Luft, die über den anderen Bereichen der Innenstadt hängt. Aber das historische Zentrum ist klein und sehr bald schon befinde ich mich wieder außerhalb dieses Schutzgebietes. Die Luft ist heiß und schwül, die Geräusche laut in meinen Ohren.

 
Ich beschließe, einen Spaziergang an der Küste zu machen. Um dahinzukommen, muss ich die Stadt durchqueren. Das städtische Gefüge erscheint wie ein undurchdringlicher Wald, in dem man sich nur schwer bewegen kann. Als ich am Fluss ankomme, entfaltet sich eines des größten Paradoxe der Stadt: Der lange Fluss ist komplett von Autos umgeben, die entweder rumstehen oder auf Durchfahrt sind. Eigentlich ist das ein Riesenparkplatz. Die Arroganz, mit der wir diesen Naturgebieten begegnen, ist erschreckend. Es gibt keine Filter. Aus Neugier gehe ich in ein Parkhaus unter einer der großen, schnell fließenden Arterien, die gewaltsam in die Stadt eindringen. Luft scheint es hier nicht zu geben; ein beißender Geruch füllt den Raum. Autos aller Art rauschen über meinem Kopf hinweg. Ich berühre eine große Säule und es scheint, dass auch sie schwitzt. Ich fühle mich als wäre ich in einer Art Bunker eingesperrt. Sollte ich nicht am Flussufer sein?
 

Schließlich komme ich an den Anfang der Brücke über dem Meer – eine der längsten Fußgängerbrücken Europas. Hier sieht es aus wie in einer anderen Stadt. Die Luft ist frisch und ich kann das salzige Meer riechen. In der Ferne höre ich die Stimmen von Kindern, die am Strand spielen. Ich fühle mich, als hätte ich mich von der Stadt gelöst. Hier habe ich endlich einen Anhaltspunkt. Ich sehe Menschen spazieren gehen, joggen, reden, und hinausschauen. Der Blick ist atemberaubend: auf der einen Seite, die Stadt mit dem Apennin im Hintergrund, auf der anderen Seite, das Adriatische Meer. Die Zeit scheint still zu stehen, alles ist ruhig und ich fühle mich in Harmonie mit der Stadt.