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Methoden für mehr Sinnlichkeit in Planung und Beteiligung

Beim Planen und Gestalten von Städten sowie in der Debatte über die urbane Zukunft spielen Emotionen und sinnliche Wahrnehmung kaum eine Rolle. Entscheidungsfindung braucht einen „objektiven Prozess“, so die gängige Meinung. Lediglich das Visuelle, das Formen der Stadtgestalt, hat einen besonderen Stellenwert, denn das ist leicht greif- und kommunizierbar. Doch der Mensch erlebt die Stadt emotional und mit allen Sinnen – nicht nur mit dem bloßen Auge.

 
Wollen wir also Städte gestalten, die den Menschen, seine Bedürfnisse und sein Wohlbefinden stärker in den Blick nehmen, dürfen wir diese Erfahrungsdimensionen nicht außer Acht lassen. Es braucht mehr Sinnlichkeit, sowohl in Planungs- als auch in Beteiligungsprozessen, um eine menschenwürdige und ökologisch nachhaltige Zukunft zu erreichen.

 
Wie das gelingen kann, wird in diesen Methodenstreckbriefen erläutert. Die einzelnen Schritte wurden im Rahmen des Projektes Sense the City entwickelt, erprobt und zu einer systematischen Methodik zusammengefügt. Sie bauen aufeinander auf und können in unterschiedlichen Kontexten und für verschiedene Handlungsfelder Anwendung finden.

Die Stadt als wachsender Wald

Die Stadt der Zukunft ist kurvig und grenzenlos; sie atmet im Rhythmus der Natur. 

 

Wenn wir uns auf unsere Sinne konzentrieren, realisieren wir recht schnell, dass alles was wir wollen, der Duft von Gras und Natur ist, und nicht der Geruch von Autoabgasen. Wir wollen Frische, Ruhe und Natur. Unsere Vision für die urbane Zukunft ist grün, nicht grau.

Wir wollen Frische, Ruhe und Natur.  

 

Doch der Mensch hat die Natur so geformt, dass es in den heutigen Metropolen fast unmöglich geworden ist auf unberührtes Grün zu treffen. Fast wie ein Virus dominiert und erniedrigt der Mensch die Natur, und dass schon viel zu lang. Es ist an der Zeit, dass sie zurückschlägt.

 

Der erste Schritt wäre, das derzeitige Konzept der Stadtplanung durch ein Neues zu ersetzen. Eins, dass sich an dem natürlichen Fluss der Wälder und anderem Grün orientiert. Dass keine starren Grundrisse oder vorgegebene Stadtgrenzen kennt. Sondern wo die einzigen Beschränkungen von der Natur und der Wildnis selbst auferlegt werden. Wenn sie sich ausdehnen, wächst die Stadt entsprechend mit. Es geht uns darum, die Städte von ihrer Rationalität zu befreien und mehr Emotionalität zulassen. Wir möchten gewohnte Muster durchbrechen.

Autopilot aus, Sinne an! Ein etwas anderer Spaziergang durch Pescara

Was geschieht, wenn wir uns bewusst auf unsere Stadt einlassen? Den Autopiloten aus- und die Sinne anstellen. Überrascht die Stadt? Überwältigt sie? Stößt sie ab oder zieht sie an? In jedem Fall bewegt uns das urbane Umfeld und es wird deutlich, was uns gut tut und was nicht, und was wir mehr oder weniger haben wollen. Eine gute Basis also, von der auch die Stadtplanung lernen kann.

 

 

Liebes Tagebuch,

heute ist es endlich richtig warm in Pescara! Ich gehe die Treppen runter, mache die Haustür auf, und sofort heißt mich eine Welle von Geräuschen willkommen. Der Verkehr in Pescara ist allgegenwärtig. Wenn man auf meiner Straße den Autoverkehr begrenzen würde, wäre das eine große Verbesserung. Ich entscheide mich, ins Stadtzentrum zu gehen, was mir wie eine eigene Welt vorkommt.
 

Kurz bevor ich die Straße überquere, sehe ich in der Ferne, dass die Ampel grün wird. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig hinüber, bevor das Geräusch eines Lastwagens in meinem Ohr klingelt und Abgase meine Lunge füllen. Ich mache noch ein paar Schritte weiter, und da bin ich, vor dem corso Manthonè. Sobald ich in die Straße einbiege, weichen die Maschinengeräusche den Stimmen von Menschen – es ist fantastisch. Ich fühle mich, als wäre ich mittendrin in der Geschichte: tatsächlich laufe ich auf einem Bürgersteig aus dem fünfzehntem Jahrhundert, der mich fast aus dem Gleichgewicht bringt. Wenn ich die Backsteinmauer anfasse, kann ich den Schweiß und den Einfallsreichtum der mittelalterlichen Arbeiter spüren. Die Straßen sind schmal und lang, aber hier fühle ich mich sicherer als auf diesen übertrieben großen Straßen außerhalb des Zentrums.  Hier spüre ich nicht die heiße Luft, die über den anderen Bereichen der Innenstadt hängt. Aber das historische Zentrum ist klein und sehr bald schon befinde ich mich wieder außerhalb dieses Schutzgebietes. Die Luft ist heiß und schwül, die Geräusche laut in meinen Ohren.

 
Ich beschließe, einen Spaziergang an der Küste zu machen. Um dahinzukommen, muss ich die Stadt durchqueren. Das städtische Gefüge erscheint wie ein undurchdringlicher Wald, in dem man sich nur schwer bewegen kann. Als ich am Fluss ankomme, entfaltet sich eines des größten Paradoxe der Stadt: Der lange Fluss ist komplett von Autos umgeben, die entweder rumstehen oder auf Durchfahrt sind. Eigentlich ist das ein Riesenparkplatz. Die Arroganz, mit der wir diesen Naturgebieten begegnen, ist erschreckend. Es gibt keine Filter. Aus Neugier gehe ich in ein Parkhaus unter einer der großen, schnell fließenden Arterien, die gewaltsam in die Stadt eindringen. Luft scheint es hier nicht zu geben; ein beißender Geruch füllt den Raum. Autos aller Art rauschen über meinem Kopf hinweg. Ich berühre eine große Säule und es scheint, dass auch sie schwitzt. Ich fühle mich als wäre ich in einer Art Bunker eingesperrt. Sollte ich nicht am Flussufer sein?
 

Schließlich komme ich an den Anfang der Brücke über dem Meer – eine der längsten Fußgängerbrücken Europas. Hier sieht es aus wie in einer anderen Stadt. Die Luft ist frisch und ich kann das salzige Meer riechen. In der Ferne höre ich die Stimmen von Kindern, die am Strand spielen. Ich fühle mich, als hätte ich mich von der Stadt gelöst. Hier habe ich endlich einen Anhaltspunkt. Ich sehe Menschen spazieren gehen, joggen, reden, und hinausschauen. Der Blick ist atemberaubend: auf der einen Seite, die Stadt mit dem Apennin im Hintergrund, auf der anderen Seite, das Adriatische Meer. Die Zeit scheint still zu stehen, alles ist ruhig und ich fühle mich in Harmonie mit der Stadt.

Wer wird in Zukunft die Lieder der Bäume singen?

MEGASTÄDTE

 

 

Im Jahr 2050 werden zwei Drittel der Menschen in Städten wohnen.

 

 

Wer wird dann die Lieder der Bäume singen?

 

Wer wird den Botschaften der Flüsse und Seen lauschen?

 

Und wer sucht am Nachthimmel das Kreuz des Südens?

 

 

Das Rascheln der Ratten im Müll wird uns teuer werden.

 

 

Reminiszenz an vergangene Tage.

Mehr Sinnlichkeit wagen!

Im Jahr 1969 stellte Willy Brandt in der Regierungserklärung seine Kanzlerschaft unter das Motto „Mehr Demokratie wagen“. Damit griff er Forderungen der in den 1960er Jahren entstandenen Protestbewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte, nach mehr demokratischer Teilhabe und gesellschaftlicher Veränderung auf. Heute, in Zeiten von Populismus, Nationalismus und Rückkehr autoritärer Ideologien, gilt es, die demokratischen Errungenschaften wieder zu verteidigen und noch mehr Demokratie zu wagen.

 

Die diskursive Beteiligung möglichst vieler an kollektiven Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen ist dafür entscheidend – dies gilt insbesondere auch für Planungsprozesse zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Für die Zukunftsgestaltung ist eine möglichst breite Partizipation eine notwendige Bedingung. Beteiligung an sich ist aber noch nicht hinreichend. Es geht auch um den systematischen Einbezug möglichst vielfältiger Erfahrungsdimensionen. Während ab den späten 60er Jahren Partizipationsforschung und –praxis auf die Aushandlung von Werten, Interessen und Wissensansprüchen fokussierte und Partizipationsansätze und –verfahren darauf hin designte, wurden sinnlich-ästhetische Aspekte und (gespürte) Imaginationen nicht routinemäßig behandelt. Dieses „Sinnlichkeitsdefizit“ ist problematisch. Es besteht ein „Sinnlichkeitsdefizit“ in der Partizipations-forschung und -praxis

 

Interdisziplinäre Erkenntnisse aus Neuropsychologie, Philosophie und Sozialwissenschaften betonen die Bedeutung multisensorischer, leiblicher Wahrnehmung für menschliches Handeln, konzeptualisieren Atmosphären als emotional gestimmte Räume, die als geteilte Wirklichkeit durch die spürbare Anwesenheit des Wahrgenommenen und das sinnlich-emotionale Erleben des Wahrnehmenden gekennzeichnet sind, und nutzen zur Öffnung von Erkenntnishorizonten über kognitiv-logische Ansätze hinaus kunstbasierte Methoden. Die Zeit scheint reif, in Anlehnung an Brandt ein ergänzendes Motto auszurufen: Mehr Sinnlichkeit wagen!

Die Postwachstumsstadt denken, fühlen, machen

Die Bauhaus Universität Weimar zeigt mit der Konferenz „Postwachstumsstadt“, wie sensorische Ansätze Eingang in die Nachhaltigkeitsforschung finden können. Auf der zweitägigen Veranstaltung erarbeiteten über 300 Personen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik ein Manifest, wie urbane Räume und Gesellschaften jenseits  ökonomischer Wachstumszwänge zukünftig gestaltet werden können. Dr. Friederike Landau erzählt uns, welche Rolle Sinne und Emotionen dabei gespielt haben.

 

Warum habt ihr „Fühlen“ zu einem zentralen Bestandteil eurer Konferenz gemacht?

 

In den Vorbereitungstreffen zur Konferenz der Postwachstumsstadt haben wir viel über die Frage diskutiert, was bei den Teilnehmenden am Tag nach der Konferenz hängen geblieben sein wird. Was denken und fühlen die Leute, nachdem sie anderthalb Tage über neue Praktiken des Lebens, Arbeitens, Wohnens nachgedacht haben? Sind sie motiviert und voller Tatendrang? Sind sie entmutigt und wissen gar nicht, wo die notwendige, aber auch fundamentale Verhaltensänderung anfangen soll? Um diese Stimmungen am Ende der Konferenz einzufangen, haben wir dann die drei Säulen des Manifests für die Postwachstumsstadt entwickelt: Denken, Fühlen und Machen. Insgesamt ging es uns mit der Idee und dem Begriff des Manifests um etwas Proklamatives, um eine erste Grundsteinlegung für städtische Akteure und darum, Forderungen aufzustellen, wie Städte in einer Postwachstumsgesellschaft aussehen und sich anfühlen können.

 

Die Komponente des Denkens sollte wissenschaftliche Argumente oder aktivistische Praktiken bündeln, um abstrakte Konzepte wie Solidarität, Suffizienz (also geringen Ressourcen- und Energieverbrauch), Gemeinschaft oder Verantwortung erfahrbar zu machen. In der Kategorie des Machens wollten wir konkrete Handlungsanweisungen und Tipps für den Alltag sammeln. So sollte ein Werkzeugkasten für die Erschaffung von Postwachstumsstädten entstehen, um gemeinsam an diesen Zukünften zu bauen.

VerKuppel dich! Eine Idee für mehr Gemeinschaft in Mannheim

Mannheim ist bunt, vielfältig und flussläufig – eingerahmt von Rhein und Neckar an beiden Seiten der Stadt. An Wasser fehlt es nicht, dafür aber an Orten, wo man anderen Menschen begegnen, mit ihnen diskutieren und sich reiben kann. So jedenfalls die Meinung einiger Mannheimerinnen und Mannheimer. Sie haben eine Idee entwickelt, wie sich das zukünftig ändern könnte: Eine kleine Kuppel, die große Wirkung entfalten kann.

 

Mitten auf dem Alten Meßplatz in Mannheim soll sie stehen: die Kuppel. Man muss sie sich vorstellen, wie einen aufblasbaren, transparenten Ballon, der je nach Belieben vergrößert oder verkleinert werden kann. Nur eben in Form einer Kuppel. Auf jeden Fall möchten wir, dass sie oval ist und ohne Ecken, um sich abzuheben von der oft kantigen Architektur-landschaft.

 

Sie soll Raum schaffen für Begegnung und Austausch, zwischen Menschen unter-schiedlicher Hintergründe und Personen jeglichen Alters. Die Kuppel ist quasi zum Verkuppeln da. Sie soll ein Treffpunkt zum Verweilen sein, ohne Ablenkung von außen und den Zwang, etwas konsumieren zu müssen. Damit alle Mannheimerinnen und Mannheimer in ihren Genuss kommen, möchten wir sie auf Reisen schicken. Sie soll wandern – von Viertel zu Viertel und vielleicht irgendwann von Stadt zu Stadt. Unsere Vision ist, dass es irgendwann ganz viele von ihr gibt, dass die Plätze und Dächer gesäumt sind von kleinen Hügeln.  Was in den Kuppeln besprochen wird, sollen die Mannheimerinnen selber festlegen. Per App kann über Themen abgestimmt werden, genauso wie über die Art der Nutzung. Es kann alles dabei sein, von Bildungsräumen bis hin zu Bürgerforen.

 

Damit die Menschen bereits von außen sehen was innerhalb der Kuppel passiert, soll sie aus einem semitransparenten Material bestehen. Für den Innenraum wünschen wir uns einen weichen, fluffigen Boden. Er sollte einer Moosfläche ähneln und zum Liegen und Sitzen einladen. Wir wollen keine steifen, bestuhlten Veranstaltungen hier. Riechen soll es nach Natur und Wald – einfach natürlich. Das hilft den Menschen zu entspannen.

 

Die Kuppel wird auch einen eigenen Klang haben, der zur Versammlung ruft. Ähnlich wie die Kirchglocken für die Christen oder der Muezzin für die Muslime. Dafür stellen wir uns ein Geräusch aus der Natur vor, einen Regentropfen vielleicht. In jedem Fall soll er alle Menschen unabhängig ihrer Religion oder Herkunft ansprechen.

Willkommen in Übermorgen

Haben Sie sich auch schon immer gefragt, wie sich junge Erwachsene wohl ihre Stadt der Zukunft vorstellen? Dann kommen Sie mit nach Übermorgen. Wir geben Ihnen eine Führung durch die Stadt und einen ersten Eindruck.

 

Guten Morgen in Übermorgen. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise. Mein Name ist Naika Bastaw und ich freue mich, heute Ihre Reiseleiterin zu sein. Seit einigen Jahren arbeite ich bei Urban Sensory Studio, einem Planungsbüro, das maßgeblich an der Entwicklung und Umsetzung von Übermorgen beteiligt war. Die Stadt ist in vielerlei Hinsicht ein Experiment, eine gelebte Utopie sozusagen. Ihr architektonisches, sensorisches und gesellschaftliches Profil haben wenig gemein mit den Bildern und Vorstellungen, die die Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts von der Stadt der Zukunft hatten. Was genau ich meine, werden Sie gleich erfahren.

 

Bevor ich es vergesse: Nächste Woche, am 30. April 2050, feiert die Stadt ihr einjähriges Jubiläum. Sie sind natürlich alle herzlich eingeladen, uns Gesellschaft zu leisten. Wir sind stolz darauf, dass sich Übermorgen bereits heute natürlich und lebendig anfühlt. Nicht wie am Reißbrett entworfen. Ein Grund dafür ist auch der ungewöhnlich Ansatz, den wir damals wählten. Von Anfang an wurde mit den Bewohnern visioniert, wie ihre Stadt klingen, riechen und sich anfühlen sollte. Nicht Funktionalität und Effizienz standen im Vordergrund, sondern eine Stadt, die alle menschlichen Sinne bedient.

 

Starten wir die Tour

Aber jetzt genug zur Historie. Starten wir mit unserer Tour. Wir befinden uns hier auf dem zentralen Platz Protinus, nahe dem Geschäftsviertel Diversitas. Fällt Ihnen etwas auf? „Ja, das ganze Viertel ist von natürlichem Boden durchzogen“, bemerkt eine Teilnehmerin zögerlich. Stimmt. „Und einige laufen sogar barfuß zur Arbeit“, ergänzt ein älterer Herr etwas irritiert. Das ist richtig. Den Bewohnern war es wichtig, eine neue Beziehung zwischen Mensch und Natur zu etablieren. Sie wollten einen weichen, naturbelassenen Untergrund, keinen typischen, harten Asphalt. Also entschieden wir uns bei der Gestaltung für eine Vielfalt aus Gras-, Kork- und Waldboden – je nach Nutzung.

How we can design timeless cities for our collective future

 

Neugebaute Städte und Viertel sehen sich heute überall auf der Welt zum Verwechseln ähnlich. Der Charme und die Schönheit, mit der uns Städte wie Rom, Fès oder Jaipur in ihren Bann ziehen, sind für den Architekten Vishaan Chakrabarti mit der Zunahme von Massenproduktion, Regulierungen und Kostenabwägungen verloren gegangen.

 

Damit die wachsenden Städte des 21. Jahrhunderts florieren können, plädiert er in seinem TED Talk dafür, das Lokale wieder stärker in den Städtebau einfließen zu lassen. Nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch für das kollektive, soziale und psychische Wohl. Seine Vision: Lyrische Städte, die unterschiedliche kulturelle und klimatische Bedingungen sowie die Diversität ihrer Bewohner widerspiegeln. Städte, die globale Innovationen aufgreifen, um sie auf lokale Bedürfnisse zu adaptieren.

Happy Owners – eine surreale Immobilienfirma mit alternativen Zukunftsvisionen für Städte

Im Jahr 2013 gründete Soazic Guèzennec die Immobilienfirma „Happy Owners“ – eine surreale Agentur, die sich die Sprache und Codes der Immobilienbranche zu eigen macht, um eine poetische und politische Vision der Stadt zu befördern.

 

Ausgangspunkt dieser Arbeit war die Diskrepanz zwischen der Vision einer grünen und naturbelassenen Stadt, womit die Immobilienanzeigen in Indien werben, und der brutalen Realität. Soazic Guèzenne nahm die Slogans der Immobilienbranche beim Wort und entwarf architektonische Projekte, in der sich die Natur auf poetische und teilweise gewalttätige Art und Weise durchsetzen würde. Es entstanden Entwürfe, bei denen Gebäude zu Wasserfällen werden, Pilze in die Stadt eindringen oder Berge wie Landschaftsprothesen vom Himmel fallen. Um diese Utopien glaubwürdig zu vermitteln, werden die Projekte mithilfe klassischer Strategien und Medien der Immobilienkommunikation beschrieben: über Videos, Broschüren, Pläne, Modelle und Werbeposter sowie in einem Raum, der ein Unternehmensumfeld imitiert.

 

Dank der Unterstützung der Columbia University hat Soazic Guèzenne mittlerweile 10 Niederlassungen in Indien, der Türkei und Deutschland eröffnet, das Projekt an verschiedenen Architekturschulen und Designmessen vorgestellt und war 2018 Teil der Ausstellung „Habitarium“ im Museum La Condition Publique in Frankreich. Jede Immobilienagentur berücksichtigt den lokalen Kontext und zielt darauf ab, die Voraussetzungen für das Entstehen neuer Formen zu schaffen.

Startschuss für Sense the City bei Z2X18

Der Startschuss für das Projekt Sense the City fiel im September 2018, beim Z2X-Festival in Berlin. Das Festival von ZEIT ONLINE versammelt jedes Jahr  junge Visionäre mit dem Ziel, gemeinsam Zukunftsideen zu entwickeln, die die Welt ein bisschen besser machen.

 

Gute Gelegenheit, dachten wir, um mit jungen Vordenkern über ihre Visionen für die Stadt der Zukunft zu sprechen. Dass das Thema nicht nur uns wichtig ist und es viel Diskussionsstoff gibt, wurde schnell deutlich – alle Plätze in unserer angebotenen Visionswerkstatt waren in kürzester Zeit belegt. Hier haben wir mit mehr als 30 Teilnehmenden im Alter von 20-29 Jahren eine Visionsreise in die Stadt 2050+ angetreten und drei verschiedene Prototypen von wünschenswerten städtischen Zukünften entworfen.

 

Die fantasievollen Modelle für die Stadt der Zukunft hatten eine Qualität, die uns schlichtweg umhaute. Es zeigte einmal mehr: Gibt man Menschen den Raum frei zu sinnieren und ihren Zukunftswünschen Ausdruck zu verleihen, kommt in kürzester Zeit Erstaunliches dabei heraus. In nur einer Stunde haben die Teilnehmenden städtische Zukünfte entworfen, die den gängigen Zukunftsbildern aus der Stadtplanung oder auch dem Science-Fiction-Bereich diametral entgegenstehen. Geträumt wurde von Naturboden zum Barfußlaufen, Holz als dominierendes Baumaterial und einer Vielfalt architektonischer Stile. Von einer Atmosphäre, die geprägt ist von natürlichen Farben und warmem Licht – so als wäre immer Sonnenuntergang. Von einem Rhythmus, der ruhig ist, aber nicht still, von etwas mehr Chaos in der Stadt, aber bloß keiner Unordnung. Es wurde von Städten geträumt, die frei sind von Werbung und Spielplätze für Erwachsene bereithalten. Spannend war auch, dass alle Modelle versucht haben die Dichotomie zwischen Stadt und Land aufzulösen.

 

Zum Abschluss der Konferenz wurde Sense the City von der Z2X-Jury aus mehr als 100 Beiträgen unter die zehn vielversprechendsten Ideen gewählt. Ein herzliches Dankeschön dafür – einen besseren Start hätten wir uns nicht vorstellen können.

 

„Diesen Ideen gehört die Zukunft“ – Ein schöner Beitrag von ZEIT ONLINE Redakteur Marlon Schröder zu Sense the City bei Z2X findet sich HIER.

Fotowettbewerb „Urbane Zukunftsvisionen“

Die Welt von morgen wird eine Städtische sein. Bis zum Jahr 2050 werden mehr als drei Viertel der Menschen in Städten leben. Grau, hart, laut und schnelllebig: Das sind die Großstädte von heute. Doch wie wollen wir in Zukunft leben? Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Welche Kriterien muss sie erfüllen, um als sozialer Raum wahrgenommen zu werden?

 

Städte gelten als Ursache, aber auch als Lösung der heutigen wirtschaftlichen, sozialen und umweltbedingten Herausforderungen. In den letzten Jahren hat die Weltgemeinschaft mehrere wegweisende Beschlüsse mit Relevanz für urbane Akteure verabschiedet. Die New Urban Agenda wurde als globaler Fahrplan für Städte verabschiedet und auch die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung sowie das Pariser Klimaabkommen sehen Städte als wichtige Akteure für eine Transformation in eine nachhaltige Zukunft. 

 

Zeit für Zukunftsbilder von Menschen für Menschen

Dennoch fehlt es bislang an klaren Visionen in welcher Stadt wir zukünftig leben wollen. Dabei sind positive Visionen gerade in Umbruchszeiten so wichtig. Denn sie verbreiten Zuversicht und motivieren uns, Wandel aktiv zu gestalten. 

adelphi möchte zeigen, welche Zukunftsvorstellungen für urbane Entwicklung und Städte in den Köpfen der unterschiedlichsten Menschen existieren und lud deshalb Fotokünstlerinnen und Fotografen weltweit ein, sich kreativ mit dem Thema auseinanderzusetzen.

 
Hunderte von Einsendungen aus der ganzen Welt wurden von einer internationalen Jury bestehend aus Franziska Schreiber (Urban Development Specialist, adelphi), Henning Lohner (Sound designer, film composer, video artist), Joy Baldo (UN SDSN Local Pathways Fellow, ICLEI), Maarten Hajer (Director Urban Futures Studio, Utrecht University) and Soazic Guézennec (visual artist) unter die Lupe genommen. Gewonnenen hat Jorge López Muñoz aus Spanien. Platz zwei teilen sich Baudouin Mouanda aus der Republik Kongo und Beatriz Montes aus Spanien.

Zukunft wagen – Ein Plädoyer für mutige Visionen

Das 100-jährige Jubiläum des Bauhauses kommt genau zur rechten Zeit. Mit dem Motto „Die Welt neu entdecken“ bietet es eine ideale Gelegenheit, an die Aufbruchsstimmung und Experimentierfreude der Bauhäusler anzuknüpfen und dem aktuellen Diskurs zur Stadt der Zukunft neues Leben einzuhauchen. Denn als Labor für visionäre Ideen und Schmelztiegel für Utopisten aller Art machte sich die berühmte Designschule unentwegt daran, neue Wege zu erkunden – methodisch und konzeptionell.

Von visionären Spielereien zum „post-utopischen“ Zeitalter?

Nasa

Heute ist von den visionären Energien der 1920 bis 1960er Jahre  nicht mehr viel übrig geblieben. Statt mit radikalen Stadtutopien und Zukunftsbildern zu experimentieren, erleben wir einen gewissen Pragmatismus und Pessimismus, wenn es um Zukunft geht. Immer wieder ist vom 21. Jahrhundert als „post-utopisches“ Zeitalter die Rede (Pinder 2002).

 

Zwar wurden die meisten der damals entwickelten Ideen und Utopien, wie die Walking City von Archigram oder die futuristischen Bilderwelten von Klaus Bürgle, nie realisiert. Doch dafür schufen sie neue Perspektiven und erschlossen alternative Denk- und Möglichkeitsräume. Es wurde groß gedacht, fernab geltender Konventionen. Aber vor allem wurde positiv gedacht und Lust auf Zukunft geweckt. Dieser hoffnungsvolle Weitblick und die Offenheit für alternative Zukünfte fehlen uns heute. Statt fantasievoller Visionen mit gesellschaftlichem Impetus steht vielerorts das Lösen aktueller Problemlagen im Mittelpunkt. Die Frage, was wir uns für die Zukunft wünschen und wie wir zukünftig leben wollen, wird kaum gestellt.

 

Was sind die Gründe für diese Zukunftsverdrossenheit? Rutger Bregman argumentiert in seinem  Buch „Utopien für Realisten“ (2017), dass es uns schlichtweg zu gut gehe, um uns eine bessere Zukunft vorstellen zu können. Aber nicht nur das. Auch die wachsende Komplexität globaler Herausforderungen erweckt immer mehr den Anschein von Perspektiv- und Ausweglosigkeit, dem nur mit viel Mühe etwas Positives entgegengesetzt werden kann (vgl. Beck 2016; Bude 2016). Jetzt kann man in diesem Zustand der Überforderung natürlich vollends aufgehen, das hilft nur nicht.

Wir brauchen keine Megacities, sondern ein „Internet of Spaces“

Warum Tiny Houses eine neue Ära des Städtebaus einläuten können. Ein Plädoyer für ein Umdenken in der Stadtplanung von Van Bo Le-Mentzel

 

Alle reden momentan vom Internet of Things: Neue Systeme und Funktionen werden durch die Vernetzung unterschiedlicher Bereiche möglich. Beispielsweise gelingt das autonome Fahren, weil Autos, Ampeln und Straßenkarten miteinander verbunden sind. Ich träume von einem Internet of Spaces, einer Vernetzung öffentlicher Räume. Dafür aber braucht es ein neues Verständnis von Citizenship. Und genau hier kommen Tiny Houses ins Spiel. „Ich träume von einem Internet of Spaces, einer Vernetzung öffentlicher Räume.“

 

Wie würde wohl eine Welt aussehen, in der an allen öffentlichen Plätzen temporäre Tiny House Villages entstehen und alle miteinander vernetzt sind? Zwar sind Tiny Houses auf Rädern keine Alternative zu herkömmlichen Wohnungen. Schließlich sind sie gerade mal zehn Quadratmeter groß. Aber es geht um mehr als nur kompaktes Wohnen. Denn in der Art und Weise, wie sie entstehen und eingesetzt werden, liegt womöglich die Grundlage für die Demokratisierung des Städtebaus.

 

Wie alles begann

Erstmals hat sich der kalifonische Künstler Jay Shafer die Frage gestellt, was wohl von einem Haus übrig bleibt, wenn man alles Überflüssige weglässt. Als ich selber das One-Sqm House 2012 entwickelt habe, konnte ich noch nicht ahnen, dass mal eine Bewegung daraus werden würde, die es in den Mainstream schafft. Schätzungsweise existieren derzeit in Deutschland mehr als 100 Tiny Houses. Keines ist breiter als 2,55 m, weil die Straßenverkehrsordnung es so will. Und keines ist höher als 4 m, weil die Brücken es so wollen.

 

In Europa hat die Tiny House Bewegung vor ungefähr vier Jahren begonnen. In nahezu allen europäischen Ländern gibt es mittlerweile eine Szene – vor allem in Skandinavien, Holland und Deutschland. Sogar IKEA hat neuerdings Tiny House-taugliche Küchen und Leuchten entwickelt. Ein Tiny House kostet im Schnitt 50.000 Euro. Wir sprechen hier also nicht von einer Randerscheinung einiger Hippies, sondern von einer Bewegung aus der bürgerlichen Mitte.

Sense the City. Zukunftsstadt im Wandel

Die meisten Städte von heute sind geprägt von Vergangenheiten, Kulturen, Heterogenität, Planungen oder Nicht-Planungen, politischen Systemen, finanziellen Möglichkeiten, und vor allem von Menschen, die die Städte beleben und bearbeiten. Städte sind einem permanenten Wandel ausgesetzt, machmal besser, manchmal weniger gut beeinflussbar.

 

Dieser Wandel interessiert uns. Wir plädieren für eine offene Stadt im Sinne Richard Sennetts, in der Veränderung als bereichernd angesehen wird (ohne die Vergangenheit zu negieren), in der Unfertigkeit und Offenheit willkommen ist (um Spielräume zu eröffnen), Widersprüche zugelassen und Vielfalt gewollt ist (ohne die Menschen zu verunsichern).

 

Um Wandel im positiven Sinne zu beeinflussen und zu gestalten, ist eine enge Zusammenarbeit von Planern und Bewohnern Voraussetzung. Eine offene Diskussion ist gelebte Demokratie und schafft Vertrauen, Identität und letztlich Heimat. Heimat in einer sich wandelnden komplexen Gesellschaft, die widerstandsfähig ist gegenüber Populismus und Diktatur.

 

Wir behaupten nicht, dass das einfach ist. Es erfordert ein waches Auge, eine gute Nase, viel Fingerspitzengefühl, ein offenes Ohr und ein hohes Maß an Kommunikation, eine Stadt mit allen Sinnen zu gestalten. Daran sollten wir arbeiten.